Glocken der Peter-und-Paul-Kirche

Der Glockenzug 1950

Beginnen wir in der Zeit des Kirchbaus: Im November 1896 wird beschlossen, drei Glocken zu nehmen statt zwei, denn das gäbe ein schöneres Geläut. Und weil der Reichstagsabgeordnete, der Geheime Kommerzienrat Gustav Siegle, 500 Mk. gespendet hat, gibt’s nun kein Finanzierungsproblem mehr. Er hat zugestimmt, dass man das Geld für die große Glocke mit der Inschrift: “Ehre sei Gott in der Höhe!” verwendet und auch seinen Namen eingießt - aber er will das alles ohne Veröffentlichung. Übrigens ist das Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus eine Stiftung seiner Witwe.

Die Firma Kurtz erhält am 19. Mai 1897 den Zuschlag für 1.366 Mk. Auf der mittleren Glocke steht: “Alles und in allem Christus!” und für die kleine Glocke wählt man: “Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango” (die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze zerbreche ich). Im Kriegsjahr 1917 werden die große und die kleine Glocke beschlagnahmt. Die Gemeinde erreicht es jedoch, daß sie statt der mittleren die große Glocke behalten darf.

Anfangs der 20er Jahre fehlen nun immer noch die zwei Glocken. Der Kirchengemeinderat befasst sich damit am 15. Mai 1921. Die neuen Glocken werden am 21. Dezember 1921 bestellt. und sind im Mai 1922 fertig. Die neue D-Glocke erhält die Inschrift: “Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben.” Sie werden den Kriegsgefallenen von Leinfelden und Unteraichen gewidmet. Für die E-Glocke wählt man die Mahnung: “Friede auf Erden!” Am 7. Mai 1922 findet die feierliche Weihe statt.

Nur 18 Jahre später ist wieder Krieg und wiederum werden Glocken beschlagnahmt. Diesmal darf nur die kleinste Glocke als “Läuteglocke” bleiben, und als die anderen 1942 abgeholt werden, ist keine der ursprünglichen Glocken mehr vorhanden.

1948 überlegt der Kirchengemeinderat, wie die fehlenden Glocken wieder beschafft werden könnten. Zunächst erscheint dies unmöglich, da andere Instandsetzungsarbeiten an der Kirche vordringlicher sind. In der Gemeinde stellt man Erhebungen an, wer Verwandte in den Vereinigten Staaten hat, die für eine Bronze-Stiftung zum Guss der Glocken herangezogen werden könnten. Doch nach der Währungsreform 1948 wird dieser Plan nicht weiter verfolgt.

Auf Veranlassung des Kirchengemeinderats unterbreitet Glockengießermeister Kurtz im April 1950 einen Kostenvoranschlag für die beiden Glocken über DM 3.500,-. Weitere DM 1000,- soll die Renovierung der Zifferblätter und des Schlag-werks kosten. Später kommen noch Reparaturen hinzu - so ergeben sich Gesamtkosten von DM 6.100,-. Aus einer Glockenspendensammlung kommen DM 2.397,- zusammen, dazu DM 300,- aus der Stiftung Frank (ROTO in Unteraichen) und DM 2.500,- aus der Stiftung Lang (Fa. Lang und Bumiller, deren Chef Heinrich Lang 1943 verstorben war). Und nachdem Bürgermeister Egler eine Spende bis zu DM 1000,- in Aussicht stellt, sind die Gesamtkosten gedeckt.

Zur kleinen erhaltenen Glocke kommen nun wieder zwei neue hinzu: eine große in H mit der Inschrift “Dem Gedächtnis von Max Heinrich Lang (Fa. Lang und Bumiller) - gestorben 1943 - gewidmet” und eine mittlere Glocke in D mit der Inschrift “Ich lebe und ihr sollt auch leben”.

Am 27. September 1950 treffen die Glocken in Unteraichen bei der Frank’schen Fabrik ein und werden in einem feierlichen Zug, begleitet von der Landjugend, Pfarrer Langbein, Kirchengemeinderäten und bürgerlichen Gemeinderäten zur Kirche gebracht. Am Rathaus schließt sich Bürgermeister Egler an. Das Fest der Glockenweihe findet am Erntedankfest, dem 1. Oktober 1950, mit einem Gottesdienst statt, “… ergreifend und unvergeßlich, wie zuerst die alte Taufglocke anschlägt, in deren Geläut nacheinander die neuen Glocken einfallen und wie im Zusammenklingen Chöre und Gemeinde, begleitet von Orgel und Musikverein, “Nun danket alle Gott” singen” (Bericht der Filder-Zeitung).

 

(Herbert Neef. Aus: 100 Jahre lebendige Kirchengemeinde Leinfelden-Unteraichen. 1997)