Der Quilt

Quilt für die Friedenskirche

Quilt - Alltagsseite

Ein Quilt für die Friedenskirche angefertigt von bosnischen muslimischen Frauen unter der Leitung einer österreichischen katholischen Künstlerin.

Dieser Gedanke war es, der den Kirchengemeinderat begeisterte, als es Anfang 2000 darum ging, den Innenraum der Kirche zu renovieren und die Altarwand neu zu gestalten. Kirchengemeinderat Klaus Dieterle und seine Frau Elisabeth Dieterle hatten den Kontakt zur Bosna Quilt Werkstatt und deren Leiterin Lucia Feinig-Giesinger hergestellt und im Herbst 1999 eine viel beachtete Quilt-Ausstellung im Pavillon Oberaichen organisiert.

Zahlreiche Spenden trugen dazu bei, dass ein Quilt in Auftrag gegeben werden konnte; am
1. Advent 2000 wurde er im Rahmen eines Festgottesdienstes durch Frau Feinig-Giesinger der Kirchengemeinde übergeben.

Herstellung des Quilts

Heraussuchen der Farbkombinationen

Ein Bosna Quilt ist ein rucno (von Hand) genähtes, dreischichtiges Textilunikat der Bosna Quilt Werkstatt. Die Bosna Quilt Werkstatt entstand 1993 im Flüchtlingsheim Galina in Vorarlberg. Initiatorin und künstlerische Leiterin ist die Malerin Lucia Feinig-Giesinger. Sie gestaltet die Quilts und verantwortet die Materialien und die Farbigkeit der Tücher. Bosnische Frauen steppen die Linien nach ihren Vorstellungen. 1998, nach dem Ende des Krieges, wurde die Werkstatt in die zerstörte Enklave Gorazde an der Drina verlegt. 12 bosnische Familien haben mit Bosna Quilts ein Grundeinkommen. Bosna Quilts hängen in Privathäusern, in Sakralräumen. Sie werden auch auf Bestellung entworfen und genäht.

'Bosnische Quilts' sind auch ein treffendes Sinnbild für Bosnien und Herzegovina selbst. Ist denn nicht das Land ebenfalls ein patchwork, ein Flick-Werk, in 'größere und kleinere Quadrate und Rechtecke' eingeteilt? Kann man nicht auch bei Bosnien von einer 'spannenden Farbzusammenstellung' sprechen - wie beim Quilt? Und ist es nicht auch bei einem Staat so, dass es ihn nur gibt, wenn zur inspirativen Konzeption die guten Hände kommen, die das Konzipierte vollenden ?» (Valentin Inzko, österreichischer Botschafter in Sarajewo, 1999)

Erklärungen zum Quilt

Ökumenisches Gewebe - Ansprache von Lucia Feinig-Giesinger
beim Gottesdienst in Oberaichen am 1. Advent, 3.12.2000

Ich freue mich sehr, dass ich hier bei Ihnen bin und mit Ihnen Gottesdienst feiern darf. Wir können und wollen einen ökumenischen Anlass feiern ...: Muslimische Frauen nähen nach dem Entwurf einer katholischen Malerin einen Quilt für eine evangelische Kirche. Und Sie sollen wissen, dass alle beteiligten Frauen das sehr gerne getan haben.

Für mich ist es jedesmal etwas ganz Besonderes, wenn ich für eine Kirche einen Quilt entwerfen darf. Als sie noch im Flüchtlingsheim in Vorarlberg war, während des Bosnischen Krieges, hat mich eine der Mitarbeiterinnen unserer Werkstatt einmal mit den Worten empfangen: «Der Risikoquilt ist fertig !» Sie hatte ein Tuch für eine Kirche genäht und verwechselte die Wörter «riesig» und «Risiko».

Ich glaube, der Bosna Quilt für Oberaichen ist kein Risikoquilt.

Überlegungen zum Entwurf des Quilts

Quilt neben dem Altar - Alltagsseite

Im Jänner bin ich in dieser Kirche gesessen ... und habe geschaut und überlegt, was der Raum braucht.

Wir haben Quilts als Farbmuster an der Wand ausprobiert, so lange, bis klar war, welche Farben die richtigen sind. Im Sommer hab ich dann endgültig den Entwurf gemacht, die Stoffflächen auf dem Boden ausgelegt ... Ich habe verändert, probiert, bis es für mich stimmte.

Dann sind Cama Sudic und Safira Hoso in Gorazde an die Arbeit gegangen. Sie haben die Stoffe zusammengenäht und die Steppmuster von Hand genäht, nach ihren eigenen Ideen. ...

Wenn Sie nach vorne kommen, sehen Sie die Arbeit der zwei Frauen, von weiter hinten sehen Sie meinen Farbentwurf.

Das Tuch berührt optisch den Altar, den Tisch des Wortes und des Brotes.

Farben können sein wie ein Wort, wie Brot, wie Wein. Farben können trösten, beleben, sogar heilen.

Als ich gestern den Quilt neben dem Altar mit dem Kreuz hängen sah, ist mir eingefallen: Das Kreuz reicht in unser Leben - die Auferstehung auch.

Das Dunkle und das Licht.

Hängender Quilt - Festtagsseite

Und was der Quilt noch hat: Eine Rückseite, die man nicht sieht. Ein Bild für vieles, das wir nicht sehen und nicht verstehen. Bis das Bild sich wendet.

Anmerkung: Seit März 2017 hängt der Quilt wieder links vom Altar an der Altarwand, wo er von Dezember 2000 bis April 2008 auch hing. Von Mai 2008 bis März 2017 hing der Quilt frei im hinteren Bereich der Kirche, um die "Trinität" besser wirken zu lassen! Bei dieser Hängung konnte der Besucher sowohl die "rote Seite" als auch die "helle Seite" betrachten.

Zu sehen ist im Normalfall die rote Seite, links neben dem Altar, die man beim Betreten der Friedenskirche sieht. Die helle Rückseite ist nur zu bestimmten Feiertagen an der Altarwand der Friedenskirche zu sehen. Die freie Hängung machte beim Blick zurück oder beim Verlassen des Kirchen­raums auch diese sichtbar: das Dunkle und das Helle.