Die Altarwandinstallation 'Trinität'

Weltkugel vergrößert und die Idee zur Altarwandinstallation

Der Ausgang zur Idee der Altarwandinstallation des aus Oberaichen stammenden  Künstlers Andreas Bär (geb. 1966) ist das rechtwinklige, gleichschenklige Dreieck, das für „Trinität“ steht, und mit dem einge­schriebenen Kreis zusätzlich zum Zeichen für das „Auge Gottes“ wird. Auf der als „Leinwand“ über dem Altar ange­brachten Grundform läuft mittels eines Beamers ständig die Projektion der aktuellen Tag-Nacht-Grenze: in Realzeit der Blick auf die Erde, mittels des geostationären Satelliten Meteosat. Dieser zeigt die aktuelle Wetterlage. Die langsam ziehenden Wolken sind in ihrer kaum wahrnehmbaren Veränderung vom Künstler als "Pneuma" definiert (Pneuma. aus dem griechischen "Geist", "Hauch", "Luft") und können so im Kontext der Dreifaltigkeit als "Heiliger Geist" interpretiert werden.

"Zu sehen ist auf den ersten Blick scheinbar ein fest installiertes Bild, das jedoch im Inneren dieses vorgegebenen Rahmens dauernder Wandlung unterzogen ist, allerdings bestimmt von äußerst langsamen Abläufen, die sich – wenn überhaupt – nur einem meditativen Hin­sehen mit gleicher Langsamkeit erschließen. Die scheinbare Einfachheit birgt eine Komplexität, bei der der aufmerksame Rezipient in eine Wahrnehmungs- und Assoziationsschleife von Perspektivschiebungen geraten kann: was sehe ich, wer sieht mich an, die Position des Schöpfers oder des Geschöpfes ? – ausgesetzt der Zeitlichkeit … eine Vielzahl auch theo­logischer Implikationen eröffnet sich." 

(aus: Projekte – Kunsträume. 10 Jahre Stiftung Kirche und Kunst in der württembergischen Landeskirche, hg. v. Reinhard Lambert Auer u.a. für den Verein für Kirche und Kunst in der Evang. Landeskirche in Württemberg e.V., 2008)

Bei der Altarwandinstallation in der Friedenskirche Oberaichen handelt es sich um die bis heute einzige dauerhafte Multimediainstallation in einem Kirchenraum. Ausgezeichnet wurde die Arbeit von Andreas Bär mit dem Kunstpreis der Landeskirche.

Altar und 'Trinität'

Notizen zur Eröffnung der Altarinstallation von Andreas Bär in der evangelischen Kirche in Oberaichen am 25. Mai 2008

von Petra von Olschowski,
Geschäftsführerin der Kunststiftung Baden-Württemberg

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Pfarrer Martell,

es ist heute Abend schon einiges gesagt worden zu den vielschichtigen Bezügen, die die Altarinstallation von Andreas Bär herstellt. Wir haben von religiösen, historischen, philosophischen Deutungen gehört und wichtige Anregungen bekommen dazu, wie wir diese Arbeit verstehen und in welchen Kontext wir sie stellen können.

Von mir sollen daher hier zum Abschluss nur ein paar kurze gedankliche Notizen folgen, bei denen es vor allem darum geht, diese Installation im Kontext der künstlerischen Arbeit von Andreas Bär zu betrachten.

Das ist umso interessanter, da dieses „Altarbild“ Andreas Bärs Schaffen eigentlich von Anfang an begleitet. Denn es hat – wie wir gehört haben – einige Zeit gedauert, bis es realisiert werden konnte.

1966 geboren und hier in Oberaichen aufgewachsen, war das „Göttliche Auge“ – wie ich es mal nennen möchte – 1992 eine der ersten Semesterarbeiten, die Andreas Bär – damals noch an der Freien Kunstschule in Nürtingen – für jene Kirche konzipierte, die er selbst am besten kannte, in der er getauft und konfirmiert worden ist. 16 Jahre ist es her, dass diese erste Fassung entstanden ist – damals noch unter ganz anderen technischen Bedingungen als heute. Und es ist vor diesem Hintergrund schon erstaunlich, dass dieser Entwurf dem Reifeprozess der Persönlichkeit Andreas Bär und den Entwicklungen innerhalb der Kunstszene bis heute Stand gehalten hat und dass es tatsächlich eine hochaktuelle Arbeit geblieben ist, auch wenn oder vielleicht gerade weil unsere Möglichkeiten, die Welt per Computer zu sehen, ganz andere geworden sind.

Andreas Bärs künstlerische Haltung ist eine konzeptuelle. Geprägt haben ihn Lehrer wie
Harry Walter und René Straub von der Künstlergruppe ABR Stuttgart und später dann an der Stuttgarter Kunstakademie der Pionier der Konzeptkunst, Joseph Kosuth. Dass Andreas Bär parallel zum Akademiestudium in Tübingen Empirische Kulturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte studiert hat, passt zu diesem Ansatz, bei dem immer wieder die Bedingungen, unter denen Kunst entsteht, präsentiert und wahrgenommen wird, thematisiert werden und bei dem es nie um irgendeine Art von Abbild oder schöner Form geht. Die Form ist vielmehr vor allem als Ausgangspunkt für Reflektion und Infragestellungen zu verstehen.

Schon Winfried Stürzl hat bei seiner Rede zur Ausstellungseröffnung der Entwürfe zur Altarinstallation an dieser Stelle vor vier Jahren darauf hingewiesen, dass Andreas Bär an den Schnittstellen zwischen der „Kunstwelt und ganz anderen, oft auch alltäglichen Lebensbereichen“ arbeitet. Und Herr Auer hat in einem Brief an Sie, Herr Pfarrer, betont, dass „der Ansatz und der Umgang mit gestalterischen Elementen und Mitteln aus der Medienkunst sich grundsätzlich nicht von anderen Arbeiten Bärs unterscheiden. Bisweilen“, so heißt es weiter, „ist leider bei KünstlerInnen ein ‚Verbiegen’, ein scheinbar als notwendig erachtetes Gefälligmachen und Banalisieren, wenn es um Kunst für die Kirche geht, zu beobachten – ein deutlich abfallender Gegensatz zu ihren sonstigen Gestaltungsweisen. Das ist hier keineswegs der Fall und verschafft dem Ansatz zusätzlich Überzeugung.“

Diese beiden Aspekte scheinen mir zentral zu sein, und ich möchte ihnen im Folgenden kurz nachgehen.

Tatsächlich bewegt sich Andreas Bär an Schnittschnellen, in Grenzbereichen zum Alltag. Seine Kunst ist vor allem aus diesem Grund immer auch stark mit seiner Biografie verknüpft, weil er vom eigenen Erleben ausgeht, um die dahinter liegenden Strukturen, die wiederum auf viele Menschen übertragbar sind, deutlich zu machen. Oft geht es dabei um Themen wie Wahrnehmung, Projektion und Erinnerung – all dies sind auch Stichworte, die für die Altarinstallation von Bedeutung sind.

Diese Bärsche Methode zeigt sich in den mobilen Arbeiten des Motorradclubs o.T., einer Art Vereinigung Motorrad fahrender Künstler, die bestimmte Orte der Kunst mit den für die Motorradszene üblichen Ritualen und Objekten quasi besetzen. Sie gilt für „Bär on Air“, die Radiosendung, die Andreas Bär seit vielen Jahren macht und in der es immer um Fragen und Themen der Kunst geht, und für die Geranien-Schilder, die per Schrift suggerieren, was für unzählige Balkonkästen Deutschlands rotleuchtendes Statussymbol ist.

Ich möchte aber vor allem über eine Arbeit sprechen, die vor ca. vier Jahren entstanden ist und seither in verschiedenen Varianten in Ausstellungen zu sehen war und ist – im Moment in der Schau „Play it“ in der alten Killesberger Messehalle 6.0. Sie bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel, der beim Blick auf die Altarinstallation hilfreich sein kann. Denn auch dabei handelt es sich um eine Installation, die mit dem technischen Mittel der Projektion arbeitet, um menschliche Projektionen zu evozieren. In dem Fall geht es um Dias, die auf eine Leinwand projiziert werden. Allerdings sind es keine üblichen Dias, sondern Bilder, die Andreas Bär von einer Reise durch die USA mitbrachte. Als er die Filme entwickeln wollte, stellte er allerdings fest, dass sämtliche Diafilme durch einen Fehler doppelt belichtet waren. Stadt und Landschaft, menschenleere Weite und enger Menschenauflauf, Meer und Straße, Baum und Motorrad, ein gedeckter Tisch und eine Partygesellschaft – all dies lag auf einmal übereinander, eins verdeckte das andere, unerwartete Überschneidungen, aber auch Durchblicke ergaben sich. Andreas Bär hat den Symbolgehalt, der dahinter liegt, erkannt: Auch die Bilder in der Erinnerung überlagern sich, was am Anfang der Reise geschehen war, erschien durch die Ereignisse am Ende der Reise in einem anderen Licht und umgekehrt.

Aber das ist nur ein Teil der Arbeit. Andreas Bär zeigt die Dias so, dass er zugleich ihr Verschwinden thematisiert. Denn die Lichtbilder werden auf eine speziell bearbeitete Leinwand geworfen, welche die Farben und Formen quasi aufsaugt, für eine Weile speichert und in Momenten der totalen Dunkelheit – zwischen dem einen und dem anderen Bild – wiedergibt, bis es schließlich vager und vager wird und dann ganz verschwindet. Verlöscht.

„Die so genannte ‚Wirklichkeit’“, so hat der Schriftsteller Gianni Celati geschrieben, „ist etwas leicht Verderbliches, sie unterscheidet sich nicht genau von einem Trugbild. Zwangsläufig kommt der Verstand immer zu spät: er versteht es eben nicht, wie alles vergeht und sich im Unsicheren verläuft und wie uns das Vergessen allerorten umgibt und davonträgt.“

Die Wirklichkeit und das Trugbild, das Gesehene und das Vorgestellte, Projizierte, das neutrale Bild von der Welt und die Welt im Kopf – diese Ebenen überschneiden sich auch, wenn wir die Weltkugel betrachten, wie sie im Zentrum der Altarinstallation gezeigt wird. Sicher, es ist so etwas wie ein neutrales Bild, eine Echtzeitprojektion, aufgenommen von dem Wettersatelliten Meteosat. Alle 15 Minuten wird das Bild der Erde, das sich uns ausschnitthaft bietet (wir sehen ja nur eine Seite!), über Radar, Infrarot und Scans neu zusammengesetzt. Wir sind also eigentlich immer aktuell dran, können die Veränderungen, die manchmal nur minimal sind, wahrnehmen, sind so was wie: informiert. Sollte es da unten eine Dürreperiode geben oder einen Wirbelsturm, wie könnten zuschauen, wären nah am Geschehen und doch weit genug weg, um wirklich betroffen zu sein, so wie eben jeden Abend, wenn die Nachrichten der Welt durch Tagesschau und heute vermittelt werden.

Gleichzeitig erleben wir aber, was Vergänglichkeit wirklich ist. Kein „Augenblick“ auf diese Welt gleicht dem anderen, jeder Moment ist einmalig. Vor unseren Augen vergeht die Zeit, die Welt, das Leben – Bild für Bild. Wir können uns kaum mehr daran erinnern, wie Wolken, Himmel und Erde vor ein paar Minuten ausgesehen haben. Sicher – auch ein bewusster Blick von der Erde in den Himmel kann uns das deutlich machen, wenn wir sensibilisiert dafür sind. Aber sehen wir hinauf, dann blicken wir von uns weg, nicht auf uns drauf. Und schon diese Haltung macht einen Unterschied.

Und wir können dieses Rad noch weiter drehen: Andreas Bär hat im Vorgespräch mit mir erzählt, was die leere Wand hinter dem Altar für ihn als Konfirmant auch immer war: eine Fläche, vor der sich Träume, Gedanken – eben eigene Projektionen – abspielten. Er hat sie also nicht einfach gesehen, sondern mit inneren Bildern belebt. Und damit sind wir bei einer entscheidenden Frage, die die Kunst seit etwas mehr als hundert Jahren beschäftigt – immer wieder auch ausgelöst und vorangetrieben durch die Entwicklung neuer Technologien: die Frage nach der Wahrnehmung selbst und ihrem Verhältnis zu dem, was wir Wirklichkeit nennen.

Bereits im 17. Jahrhundert schrieb Robert Fludd: „Die Sinne richten sich schweifend und frei auf alles, was Aufmerksamkeit erregt, und nehmen noch vieles wahr, was nicht bis zum Bewusstsein vordringt. Die Welt, die wir kennen und wieder erkennen, ist vor allem eine innere Welt. Mundus sensibilis und mundus imaginabilis fallen zusammen, Makrokosmus und Mikrokosmos sind eins.“ Demnach wäre Wahrnehmung die Konstruktion von Wirklichkeit und nicht das Erkennen von Wirklichkeit.

Wenn wir heute die Möglichkeit haben, die Welt aus der Sicht eines Gottes zu sehen, so wie Kinder ihn sich vorstellen – als ein über ihnen wachendes, beobachtendes Auge -, sind damit verschiedene in der Evolution entscheidende Entwicklungen verbunden: man denke nur an Kopernikus, an Kolumbus, an die Mondlandung. Gehen wir in der Geschichte noch weiter zurück, wird deutlich, dass erst mit der Aufrichtung auf zwei Beine für den Menschen Überblick möglich geworden ist. Dass daraufhin Berge oder durch seine Höhe ausgezeichnete Orte den Mächtigen vorbehalten waren, die einerseits wollten, dass ihre Machtzentren weithin sichtbar waren, die aber andererseits auch weit sehen wollten – ihr Reich drum herum kontrollierend, Nahrung suchend oder wachend.

Man könnte also sagen: Wer die Macht hat, zu sehen, trägt auch die Verantwortung, zu erkennen – sei es nur die Differenz zwischen der wahrgenommenen und der vorgestellten Welt. Jean-Francois Lyotard hat über die Kunst geschrieben – und seine Zeilen treffen auch auf Andreas Bärs Haltung zu: „Dies bedeutet…, dass die zeitgenössischen Künstler daran arbeiten, nicht die Bedeutungen zu denkonstruieren, sondern die Sensibilitäten zu erweitern: das sichtbar (oder hörbar) zu machen, was unsichtbar (oder unhörbar) ist. Also die gegebenen Sensibilitäten und ihre Formen zu verändern.“

Eine Kirche kann ein guter Ort für diesen Vorgang der Sichtbarmachung sein.

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