Predigt von Pastor Bernard Mourou im Festgottesdienst vom 16. September 2012 in der Peter-und-Paul-Kirche

Der Einzelne und die Gemeinde (Galater 5, 25-6, 10)

Durch diesen Text können wir uns die ideale christliche Gemeinschaft vorstellen: Vor allem ist diese christliche Gemeinschaft als eine harmonische Gemeinschaft beschrieben: Niemand ist hochmütig, niemand feindlich.


Jeder trägt die Last der andern. Jeder gibt dem andern, was er hat, und bekommt, was ihm fehlt. Alles, was notwendig ist, steht zur Verfügung. Es ist ehrlich eine perfekte, eine ideale Gemeinschaft. Die idealen Gemeinschaften, wovon Utopisten stets geträumt haben, waren nicht mehr vollkommen als diese christliche Gemeinschaft. Sie unterscheidet sich doch von utopistischen Gemeinschaften. In utopistischen Gemeinschaften muss jeder Mensch der Gemeinschaft gefügig sein. Das versprochene Glück wird erreicht, nur wenn jeder Mensch, jeder Einzelne, sich der Gemeinschaft fügt. Der Einzelne verliert seine eigene Identität, um der Gemeinschaft richtig zu dienen. Er muss sich anpassen. Er muss die beste Wirkung erreichen.

Das Wichtigste in den utopistischen Gemeinschaften ist das Ideal. Um das kollektive Glück zu erreichen, arbeiten Utopisten eine Theorie aus, die als Wahrheit gilt und jedem Menschen auferlegt wird. Der Einzelne muss sich den Forderungen der neuen Gemeinschaft anpassen. Er erreicht die beste Wirkung, verliert aber seine Individualität.

Hier unterscheidet sich die christliche Gemeinschaft von allen utopistischen Gemeinschaften völlig. Im Vers vier schreibt der Apostel Paulus: Ein jeder ABER prüfe sein eigenes Werk. Mit diesem kleinen Wort „aber“ hebt er nicht die Gemeinschaft hervor, sondern den Einzelnen.

Die Harmonie dieser Gemeinschaft beruht nicht auf der Gemeinschaft selbst, sondern auf jedem einzelnen Menschen, der zu dieser Gemeinschaft gehört. Jeder soll sein eigenes Werk prüfen, für sich selbst. Damit können sich Christen sogar rühmen. Für Paulus ist es kein Problem, insofern diese Christen sich mit den andern nicht vergleichen. Ja, jeder wird seine eigene Last tragen. Jeder Mensch wird ernten, was er gesät hat.

Schon der Dekalog verwandte das Pronomen „Du“ und nicht das Pronomen „Ihr“ : DU sollst keine anderen Götter haben neben mir. DU sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, und so weiter. Schon der Dekalog richtete sich zuerst an einzelne Menschen, statt an die Gemeinschaft. Schon der Dekalog appellierte an die individuelle Verantwortung.

In dieser Ansicht hat die Reformation das Individuum in den Vordergrund gestellt. Martin Luther benutzte den lateinischen Ausdruck „Coram Deo“. Mit diesem Ausdruck spricht er von der Beziehung von Menschen zu Gott. Und Jean Calvin sprach von der „action intérieure du Saint-Esprit“: von dem „geheimen – oder inneren – Zeugnis des heiligen Geistes“. Das innere Zeugnis des heiligen Geistes heißt, dass der heilige Geist in jedem Gläubigen als eine äußerliche Instanz wirkt.

Im sechzehnten Jahrhundert war das eine ganz neue Art, das christliche Leben zu betrachten. Damals begleitete die römisch-katholische Kirche den Gläubigen von Geburt bis Tod. Die Kirche lehrte ihn Gottes Ansprüche und sagte ihm, wie er Gott befriedigen konnte. Die Kirche gab ihm alle nötigen Wegzehrungen, für jede Situation. Die Kirche opferte Gott dem gläubigen Volk, und opferte das gläubige Volk ihrem Gott. Die Kirche richtete die Beziehung zwischen beiden ein. Selbst beim Sterben gab es eine Vermittlung zwischen dem Menschen und Gott. Selbst in diesem entscheidenden Augenblick hatte der Mensch kein Privatleben. Selbst in diesem entscheidenden Augenblick war der Mensch nicht allein. Manche Gemälde jener Zeit stellen einen Sterbenden dar, und neben ihm der Priester, die Familienmitglieder und Nachbarn, die neben seinem Bett für ihn beten, mit der Hilfe von Maria und allen Heiligen. Die Kirche beruhigte die Menschen – nur konnte sie Luther nicht beruhigen – die Menschen  waren aber von ihrer Verantwortung enteignet. Der gläubige Mensch gehörte zu einer Gemeinschaft, von der er sich nur mit großen Schwierigkeiten trennen konnte. Er war immer von der kirchlichen Institution begleitet, geschützt und umfasst. Er war nie ermutigt, sich zu isolieren. Er war nie ermutigt, seine Tür zu schließen und im Verborgenen zu beten.

Heute ist es ganz anders. Für uns Protestanten – aber auch für die meisten Katholiken – ist es wichtiger, durch Jesus-Christus eine persönliche Beziehung zu Gott zu haben, statt sich in die Kirche zu integrieren oder sich Dogmen aneignen.

Aber wir sollten vorsichtig sein: Wenn in diesem Text Paulus den Einzelnen, das Individuum betont, ermutigt er uns auch nicht zu einem Ruhestand in uns selbst. Wenn Paulus den Einzelnen betont, wenn er das „ich“ statt das „wir“ betont, preist er nicht irgendwelche Selbstsucht. Im Gegenteil unterstreicht er, dass wir in der Kirche alle verantwortlich sind: wir sind verantwortlich für uns und für die andern.

Diese Betonung des „Coram Deo“ führt nicht zum Verschwinden der Wahrzeichen. Wir brauchen die Hilfe, die „Krücken“, wie Calvin sagte, die uns die Religion geben kann. Das „ich“ beseitigt nicht das „wir“. Das „wir“ soll gestaltet werden, und das ist möglich, nur wenn man „ich“ sagen kann, wenn man auf das „ich“ nicht verzichtet. Das ist die Bedingung einer echt gesunden christlichen Gemeinschaft. Die Wohltaten der Gemeinschaft können vom Einzelnen profitieren.

Deshalb konkretisiert sich unsere Beziehung zu Gott nicht nur in einem pietistischen Gegenüber mit Gott, sondern auch durch zahlreiche Vermittlungen. Wir brauchen die andern als Vermittler. In der christlichen Gemeinschaft werden wir von einer Intuition umgeben und geschützt, und diese Institution mildert dieses Gegenüber mit Gott. In diesem Sinne ist der Gläubige vor Gott nie wirklich allein: Er wird von der christlichen Gemeinschaft begleitet und ihm wird geholfen. Und die christliche Gemeinschaft ist nicht nur die lokale Kirche, sei es die Kirche von Leinfelden oder die Kirche von Manosque, sondern die Weltkirche: alle Christen, die in fremden Ländern leben, aber auch alle Christen, die in anderen Zeiten gelebt haben und leben werden.  Die Konfirmanden, die heute bei uns sind, werden in ihren christlichen Leben nie allein sein.

„Ich stehe vor Gott“, „Coram Deo“, bedeutet also nicht : „Ich bin alleine, ich soll zurechtkommen, wie ich kann“, sondern „Niemand kann entscheiden anstelle von mir, niemand kann mir mein Benehmen oder meine Ansichten vorschreiben. Unser Glaube ist unsere Sache, nicht die Sache unserer Familie, unseres Kreises, oder unserer Kirche. Keine Gemeinschaft kann an unserer Stelle denken oder glauben. So werden wir unsere Verantwortung niemand übergeben.

In Frankreich hat die Reformation selten von kollektiven Entscheidungen profitiert. Die Machthaber haben selten an der Stelle der Bewohner entschieden. Jeder Einzelne musste in seinem gläubigen Leben sich selbst entscheiden.

Der Einzelne ist das Selbstbewusstsein der Gemeinschaft. Der Einzelne hat einen Wert in sich selbst, und er gibt der Gemeinschaft ihren Wert und die Gemeinschaft wird ihm seine Wohltaten zurückgeben. Ja, die Kirche profitiert von einem Gleichgewicht zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist notwendig, unentbehrlich, aber schließlich beruht sie immer auf dem Einzelnen, auf jedem von uns. Die Wohlfahrt der Gemeinschaft beruht auf dem Individuum, und die Wohlfahrt des Einzelnen beruht auf jedem Einzelnen, und die Wohlfahrt des Einzelnen beruht auf der Gemeinschaft. Jeder von uns ist für die Kirche verantwortlich. Und ihr, Konfirmanden, seid jetzt auch für die Kirche verantwortlich. So wird die christliche Gemeinschaft eine echt harmonische Gemeinschaft sein.

Amen.

Bernard Mourou