Gedanken von Pfarrer Martin Weinzierl

Liebe Leserinnen und Leser,
wo wir herkommen, lässt sich oft nicht verleugnen. Wir sind, was unsere Eltern und Großeltern waren. Die Jahreslosung für 2021 aus Lukas 6 nimmt dieses Motiv auf: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Allerdings ist Gott nicht in unseren Genen nachweisbar. Nicht biologischer Art ist das familiäre Verhältnis mit diesem Vater. Jesus holt uns vielmehr hinein in diese Familie. Er nennt uns seine Geschwister, und so sind auch wir Kinder des Vaters im Himmel. Wir gehören zu einer Familie, die durch den Glauben begründet ist.

Und hier sollen Umgangsformen der Liebe geübt werden. Selbst, wer es anders erfahren hat, soll in dieser von Gott begründeten Familie spüren: Hier werde ich angenommen und geliebt. Hier darf ich aussteigen aus den alten Mustern, wenn sie mir oder anderen nicht guttun. Können Menschen von sich aus dahin gelangen? Zunächst einmal ist es Gott, der barmherzig ist. Im Hebräischen ist das Wort barmherzig von „rächäm“ – Gebärmutter – abgeleitet. In der Wahrnehmung von Barmherzigkeit erfahren wir also eine mütterliche Seite Gottes.

B-arm-herzig: beim Armen das Herz haben.Das haben wir an Weihnachten gefeiert. Einen Gott, der ein Menschenkind wird. Verletzlich, gefährdet, arm. So verliert Gott sein Herz an die Armen. Aber wer ist überhaupt arm? Wer zu wenig Geld hat, sicher. Wer zu wenig Liebe geschenkt bekommt, auch. Und die, die gerade todtraurig sind, weil ein Angehöriger gestorben ist. Oder die erschöpft sind, weil das Leben in der Pandemie so anstrengend und bedrohlich geworden ist. Seid barmherzig mit ihnen, sagt Jesus. Seid auch barmherzig mit euch selbst. Gott ist es jedenfalls. Er hat sein Herz schon längst bei euch.

Dass Gott sein Herz bei den Armen hat, das ist Balsam für die Seele. Wer das für sich annehmen und „Danke, Gott!“ sagen kann, der hat die erste Stufe erreicht. Auf der zweiten Stufe wartet dann eine neue Herausforderung: „Seid barmherzig!“ Spätestens wenn ich zu etwas aufgefordert werden muss, ist klar: Das muss ich noch üben. Immer wieder. Wir üben in diesem so herausfordernden Jahr, barmherzig zu sein, uns auf die Seite derer zu stellen, die Zuspruch oder tatkräftige Hilfe brauchen. Damit das nicht auch einer der Vorsätze ist, die wir niemals umsetzen können, setzt das voraus: Immer wieder einkehren bei der Erfahrung von Barmherzigkeit. Wer Barmherzigkeit erlebt, gibt sie weiter. Wird selbst barmherzig. Deshalb ist es so wichtig, dass ich entdecke, wie und wo ich Barmherzigkeit in meinem Leben erfahre.
In diesem Sinne grüßt Sie herzlich Pfr. Martin Weinzierl.